Verantwortlich für diese Seite: Frank Lehmann
Bereitgestellt: 06.02.2026
Predigt nach Weihnacht: Frieden stiften - zwischen Realität und Vision
Kommt nach Weihnachten die Ernüchterung? Jesus wurde als grosser Friedefürst angekündigt - die Erwartungen waren riesig. Er nennt die Menschen, welche in ihrem Umfeld Frieden stiften 'Kinder Gottes'. Und schon Jahrhunderte vorher hatten die Propheten eine Vision davon, dass eines Tages 'Schwerter zu Pflugscharen' umgeschmiedet würden.
Was ist daraus geworden? Was kann daraus noch werden?
Was ist daraus geworden? Was kann daraus noch werden?
Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen.
Und er hat ihm seinen Namen gegeben:
Wunderbarer Ratgeber, Heldengott, Vater für alle Zeit, Friedensfürst. (Jesaja 9, 5)
Das ist nicht Weihnachtspoesie … das ist der Prophet Jesaja 700 Jahre vor Weihnachten!
Schon da ist das Volk in grosser Not.
Jesaja sieht diese Not allerdings als gerechte Strafe Gottes -
gleichzeitig kündigt er aber auch schon einen Neuanfang an.
Und die Hoffnung, die da aufbricht, beginnt mit einem Kind.
Und das Kind ist nicht in erster Linie ein Wesen aus Fleisch und Blut,
es ist der zart-kleine Beginn von etwas Grossem.
Der Beginn, von etwas, das Nahrung braucht und Raum, damit es wachsen und stark wird.
Wie es auch mit Visionen, Träumen, Utopien ist. Denn alles beginnt mal im Kleinen:
Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen. … Vater für alle Zeit, Friedensfürst.
Jedes Volk wünscht sich Könige und Herrscher, die so regieren,
dass das Volk in Frieden und Wohlstand leben kann.
Offensichtlich ist der Prophet mit der jetzigen Regierung nicht zufrieden.
Doch ein neuer König, ein neuer Gesalbter ist bereits geboren:
Er braucht also bloss noch zu wachsen, das verkündet Jesaja seinem leidenden Volk,
alles beginnt im Kleinen.
Gut 700 Jahre später haben die ersten Christen dieses Wort
auf den Menschen Jesus von Nazareth bezogen und alle Hoffnung auf ihn gelegt.
Er soll die ungerechten Herrschaften dieser Welt
durch eine Herrschaft ablösen, die dem Willen Gottes entspricht,
wo alle Menschen in Frieden und Gerechtigkeit leben können.
Der Titel für einen König war in diesen Zeiten ‘Gesalbter’,
oder hebräisch ‘Messias’ oder griechisch ‘Christus’.
So kam Jesus zu seinen Titeln: ‘Jesus Christus’.
Auf ihm lag soviel Hoffnung und Erwartung! Zuviel vielleicht?
Predigt Friedenstiften - zwischen Realitäten und Visionen.
Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden
unter den Menschen seines Wohlgefallens.(Lukas 2, 11.14)
Welch grosse Worte der Evangelist Lukas da seinen Engeln in den Mund legt!
Aber ich höre und singe sie sehr gern ‘der Engel helle Lieder’
mit ihrem nicht-endenden ‘Gloria’.
****
Der Evangelist Johannes bleibt da viel nüchterner:
Kein Baby im Stall, keine Hirte und Könige; Jesus ist schlicht das ‘Licht für diese Welt’ … aber:
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der zur Welt kommt.
… und die Welt hat ihn nicht erkannt.
Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (Johannes 1, 5.9-11)
Schon im ersten Kapitel – also dort, wo bei den andern eine Geburtserzählung steht –
schon da deutet er das grosse Scheitern an:
Das Licht, das nicht angenommen wird,
der Sohn Gottes, der in dieser Welt kaum Platz findet.
Falsches Geschenk zur falschen Zeit?
****
Der Verlauf der Geschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert
gibt dem Johannes eher recht:
Die Welt hat das Licht des Friedens nicht angenommen
- oder besser gesagt: nicht überall, es gibt noch zuviel Dunkel.
Viele haben sich zwar sogar explizit auf Jesus von Nazareth berufen,
auf den Mann, der gesagt hat:
‘Wenn Dir einer auf die eine Wange schlägt, dann halte ihm auch noch die andre hin!’
Und:
‘Liebe sogar Deine Feinde!’ - denn nur Deine Freunde zu lieben wäre ja gar einfach!
Und ausgerechnet in seinem Namen haben sie Kriege geführt,
Gewalt gerechtfertigt, auch Sklaverei und Rassentrennung,
… kurz:
Das, was ‘der Mensch’ mit der ‘Marke Jesus Christus’ gemacht hat,
hat manchmal wenig mit der Absicht des Gründers zu tun gehabt.
*****
Warum hat Jesus das zugelassen? Oder Gott? Oder beide?
Man kann sich ja schon fragen:
> wollte Jesus nicht? Irgendwie wäre das unverständlich
bei all dem Leid, das unschuldige Menschen ertragen müssen.
> konnte Jesus nicht? Weil seine Macht eben doch viel beschränkter und menschlicher war als wir uns das in unseren Allmachtsphantasien ausgemalt haben.
> war Jesus viel geduldiger?
… und hoffte wie viele seiner ZeitgenossInnen
auf das Reich Gottes am Ende dieser Zeiten:
Nach den ‘Stürmen der Endzeit’, nach viel Schmerz, Leid, Krieg,
da werde er dann wiederkommen und ewigen Frieden bringen.
Wie gesagt: Das war damals gängige Denkart
– aber ob ich heute noch in diesen Bildern und Mustern
denken, leben, handeln soll - ich weiss nicht …
Der Evangelist Johannes jedenfalls
nimmt die hohen Erwartungen zurück und lässt Jesus sagen:
‘Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.’ (Johannes 14, 27)
Also:
Weil durch die Gegenwart Jesu in dieser Welt
der konkrete weltliche Friede in keiner Weise grösser wurde,
so verlegt er den Frieden ins Innere, ins Herz, in die Seele.
‘Nicht gebe ich Euch, wie die Welt gibt!’
Nun, dieser innere Frieden ist ja auch ganz schön.
Den tät ich mir manchmal auch wünschen – das wäre friedlich.
Aber ich glaube, wenn ich im Krieg leben müsste und auf der Flucht,
so würde ich mir vor dem inneren Frieden
doch zuerst einmal den Frieden im klassischen Sinn wünschen.
Der ist nämlich Voraussetzung für so Vieles anderes.
****
Vor kurzem ist mir von einer aufmerksamen Frau
eine Predigt von Pfarrer Karl Hürlimann übergeben worden:
In einem Umschlag mit der 10er-Briefmarke ‘Friede den Menschen guten Willens’
findet sich die Predigt, in der Karl Hürlimann
das Ende des zweiten Weltkrieges bedenkt, feiert, verdankt.
Endlich Frieden – Gott sei Dank!?
Bei aller Freude bleibt Hürlimann aber realistisch:
Der jetzige Friede ist bloss eine ‘Pause’ bis zum nächsten Krieg.
Der wahre Friede wartet in einer andern Zeit!
‘Wisst Ihr, meine Lieben, was uns zutiefst bewegen wird,
wenn unsere Glocken den Frieden einläuten werden?
Es ist nicht nur der tiefe Dank dafür,
dass all das Morden und Zerstören wieder einmal ein Ende gefunden hat,
es ist nicht nur die Hoffnung,
dass ein neues Blatt in der Weltgeschichte aufgeschlagen wird;
es ist nicht nur das Sehnen nach einer Welt neuer Gottesordnungen.
Sondern diese Glocken hoch oben im Turm,
über den Leiden und Sorgen und Ängsten unserer Zeit,
sie rufen es aus: O, du arme Welt, du geplagte Menschheit!
Über dir baut Gott seine ewige Welt,
und dieses Geläute ist nur das Vorgeläute des ewigen Friedens,
der uns verheissen ist im vollendeten Reiche Gottes, wo aller Missklang verstummt,
alle Klage schweigt und das ewige Hallelujah anhebt.
Lobe den Herrn, meine Seele.’ (Karl O. Hürlimann, 6. Mai 1945)
Passen tut mir das nicht! Menschen, die leiden, wollen Frieden und Gerechtigkeit jetzt.
*****
Und ich denke: Jesus war das auch wichtig:
‘Dein Reich komme – Dein Wille geschehe - wie im Himmel, so auch auf Erden!’
Und:
‘Selig sind die Menschen, welche Frieden stiften; sie werden Kinder Gottes heissen!’
***
Gibt es eigentlich konkrete historische Beispiele,
wo wegen des christlichen Glaubens kein Krieg ausgelöst wurde
bzw. Frieden geschlossen wurde?
Zwischen den Staaten ist mir kein Beispiel bekannt.
Was natürlich nicht heisst, dass es keines gäbe.
Und man kann auch sagen, dass es bei all den Machthabern und Parlamentariern
zu allen Zeiten auch viele Christen gab,
und dass wahrscheinlich auch einige von ihnen
das Wohl und den Frieden der Menschen im Fokus hatten,
und dass sie sich drum gegen Krieg und für Frieden einsetzten.
Davon hört man eben weniger.
Vielleicht spielte der christliche Glaube in ‘Bewegungen hin zum Frieden’ eher eine Rolle:
Ich denke da an die Bewegung zur Aufhebung der Rassentrennung in den USA,
vor allem an den gewaltfreien Flügel unter der Leitung von Martin Luther King.
Immerhin kann man sagen, dass doch sehr viele Christinnen und Christen
- motiviert durch ihren Glauben - sich da und dort dafür eingesetzt haben und einsetzen,
dass die Welt ein Stück friedvoller wird, dass das Reich Gottes eben nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden erfahrbar wird:
Ich denke an die Menschen, die sich in Israel seit Jahren für kleine Versöhnungs-Brücken
zwischen Juden, Moslem und Christen einsetzen.
Dann auch an all die Menschen, welche an Orten auf scheinbar verlorenem Posten
einigen einzelnen Menschen ein Licht der Hoffnung in ihr Leben stellen wollen:
Sei es auf Moria – der Flüchtlingsinsel -
sei es in Kinderheimen im Sudan oder in Äthiopien,
sei es in der Kinder-und-Gassenarbeit
in gewaltdurchtränkten und perspektivelosen Slums von Grossstädten in aller Welt.
Es ist nicht so, dass da nichts geschehen würde,
dass die Botschaft Jesu keine Kraft hätte.
Manchmal wünschte man sich einfach noch mehr davon.
********
Und da ist ja dann immer die Frage, welches mein eigener Beitrag zum Ganzen ist!?
… er wird wahrscheinlich recht klein bleiben.
*******
Es ist ja leider nicht so, dass nach den Schrecken der beiden Weltkriege
allen klar geworden wäre, dass Gewalt und Krieg keine Option sind.
Spanien – Korea – Vietnam – Ukraine - …
Aufbau von Atomwaffenarsenalen und steigende Rüstungsausgaben Jahr für Jahr.
Wie anders klingt da der alte Prophet Sacharja:
Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Éfraim und die Rosse aus Jerusalem,
ausgemerzt wird der Kriegsbogen. Er wird den Nationen Frieden verkünden. (Sach 9, 10)
oder Micha:
Und Gott wird für Recht sorgen
zwischen vielen Völkern und mächtigen Nationen Recht sprechen, bis in die Ferne.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden
und ihre Speere zu Winzermessern.
Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere,
und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen. (Micha 4, 3)
Martin Luther King hat gesagt:
‚Nur wer Mut hat, zu träumen, hat auch Kraft zu kämpfen‘
Er hat mit seinem Mut extrem viel bewegt,
aber er hat auch mit seinem Leben dafür bezahlt.
Immerhin haben sich die Völker zusammengetan in den Vereinten Nationen
– welch schönes Wort, nach all den Kriegen:
Gemeinsam will man Lösungen suchen, Probleme gibt es genug:
Hunger, Kriege, Fluchtbewegungen, Umwelt, Gesundheit, Bildung.
Vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York
stehen zwei visionäre Skulpturen:
Die eine ist ein riesiger Revolver, dessen Lauf einen Knoten hat und in den Himmel zeigt.
Und die andere Skulptur stellt die Vision des Micha dar:
Ein starker Mann schmiedet ein Schwert zu einer Pflugschar um!
In solchen Bildern steckt eine grosse Kraft!
********
Schön, wenn es immer wieder Menschen gibt,
welche diese Kraft im Kleinen wie im Grossen aufnehmen können.
Erst in letzter Zeit ist mir bewusst geworden,
wie gross doch der Beitrag zum Frieden ist,
der von engagierten Kulturschaffenden ausgeht:
Man kann ja über die Hippies der 60er- und 70er-Jahre lachen.
Aber wie sie sich gegen den Krieg – damals v.a. in Vietnam -
für Bürgerrechte – gegen Apartheid -
und für den Frieden eingesetzt haben, verdient Respekt.
Das begann schon vor den Hippies mit ‘We shall overcome’
und ging 1955 weiter mit Pete Seegers ‘Sag mir, wo die Blumen sind’:
Einem Trauerlied auf die im Krieg gefallenen jungen Männer.
Erst gerade in dieser Weihnachtszeit ist mir bewusst geworden,
dass im ‘Happy Chrismas’ von John Lennon – 1971 –
soviel Friedens-Sehnsucht und -Hoffnung steckt:
In der ultrasüssen Melodie fragt er zuerst ganz unschuldig:
‘So – das ist Weihnachten – und was hast Du gemacht?
Ein weiteres Jahr ist vorüber, ein neues hat gerade begonnen.
Und dies ist also Weihnachten, ich hoffe, Du habest Spass.’
Wenn man allerdings etwas genauer hinhört, erkennt man am Ende jeder Liedzeile
eine durchaus friedenspolitische Dimension:
‘Dies ist also Weihnachten - Krieg ist vorbei
für die Schwachen und die Starken - Wenn Du es willst
die Reichen und die Armen - Krieg ist vorbei
für die Schwarzen und die Weissen - Wenn Du es willst
der Weg ist so weit - Jetzt
Lass uns alle Kämpfe beenden - Jetzt’
[Tracy Chapman stellte in ihrem grossen Song ‘Why’
die Mächtigen vor die anklagende Fragen:
‘Weshalb müssen soviele Babies hungern, da ist genügend Nahrung für alle?
Warum gibt es soviele Raketen angeblich für den Frieden,
wo sie doch zielen, um zu töten?
Weshalb ist eine Frau nicht mal zuhause in Sicherheit?
Aber jemand wird mal darauf antworten müssen!
Die Zeit dazu kommt schon sehr bald.
Mitten in all diesen Fragen und Widersprüchen
sind ein paar, die die Wahrheit suchen.’]
Und klar waren da Bob Dylan, Joan Baez,
und da waren im deutschsprachigen Raum aber auch
Reinhard May: ‘Meine Söhne geb ich nicht!’
Und die gute Nena mit ihren ’99 Luftballons’,
die sämtlichen Generälen dieser Welt ins Gewissen redet.
Und immer wieder Udo Lindenberg:
‘Keiner will sterben, das ist doch klar. Wozu sind dann Kriege da?
Herr Präsident, Du musst das doch wissen. Keine Mutter will ihre Kinder verlieren …’
Das mag heute ein wenig einfach klingen.
Aber damals war die Bedrohung durch einen dritten Weltkrieg real.
Tausende, wenn nicht Millionen junger Menschen
haben diese Friedenshymnen auf der ganzen Welt mitgesungen …
… und somit dazu beigetragen, dass die Hoffnung auf den realen Frieden
nicht den strategischen Überlegungen irgendwelcher Generäle zum Opfer fiel.
‘Schwerter zu Pflugscharen!’
Solche Träumereien brauchen Menschen, die sie mitträumen,
damit sie zu Realitäten werden.
Und da war Wolf Biermann, der Ostdeutsche,
der so deutlich wusste, dass es ein langer Weg werden würde:
‘Lass Dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, brechen …
Lass Dich nicht verbittern, in dieser bittern Zeit …’ (Wolf Biermann, Ermutigung)
Und der gute, inzwischen alte Udo Lindenberg legt auch 2018 nochmal nach:
Ich steh vor euch mit meinen alten Träumen
Von Love and Peace und jeder Mensch ist frei
Wenn wir zusammen aufsteh'n, könnte es wahr sein
Es ist so weit - ich frag: Bist du dabei?
Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind Am Ende werden wir gewinn'
Wir lassen diese Welt nicht untergeh'n Komm, wir zieh'n in den Frieden
Stell dir vor, es ist Frieden Und jeder, jeder geht hin (Udo Lindenberg, wir ziehen in den Frieden)
Und heute?
Heut haben wir ‘Fridays for Future’ - eine sehr kleine Bewegung,
die auf eine sehr grosse Gefahr hinweist.
Wir haben Greta Thunberg und Luisa Neubauer …
die sich verspotten und verlachen lassen.
Und wir haben den Wädenswiler Subaru-Fahrer
mit dem grossen Kleber am Heck: ‘Fuck Greta’
Ja, Träumerinnen machen offenbar so manchem Helden Angst.
Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist.
Es ist bloss Deine Schuld, wenn sie so bleibt. (Heinz Rudolf Kunze in ‘Deine Schuld’)
Träumen wir weiter. Handeln wir, dort, wo wir Möglichkeiten haben.
Vertrauen wir auf die grossen Verheissungen.
Amen
und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen.
Und er hat ihm seinen Namen gegeben:
Wunderbarer Ratgeber, Heldengott, Vater für alle Zeit, Friedensfürst. (Jesaja 9, 5)
Das ist nicht Weihnachtspoesie … das ist der Prophet Jesaja 700 Jahre vor Weihnachten!
Schon da ist das Volk in grosser Not.
Jesaja sieht diese Not allerdings als gerechte Strafe Gottes -
gleichzeitig kündigt er aber auch schon einen Neuanfang an.
Und die Hoffnung, die da aufbricht, beginnt mit einem Kind.
Und das Kind ist nicht in erster Linie ein Wesen aus Fleisch und Blut,
es ist der zart-kleine Beginn von etwas Grossem.
Der Beginn, von etwas, das Nahrung braucht und Raum, damit es wachsen und stark wird.
Wie es auch mit Visionen, Träumen, Utopien ist. Denn alles beginnt mal im Kleinen:
Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen. … Vater für alle Zeit, Friedensfürst.
Jedes Volk wünscht sich Könige und Herrscher, die so regieren,
dass das Volk in Frieden und Wohlstand leben kann.
Offensichtlich ist der Prophet mit der jetzigen Regierung nicht zufrieden.
Doch ein neuer König, ein neuer Gesalbter ist bereits geboren:
Er braucht also bloss noch zu wachsen, das verkündet Jesaja seinem leidenden Volk,
alles beginnt im Kleinen.
Gut 700 Jahre später haben die ersten Christen dieses Wort
auf den Menschen Jesus von Nazareth bezogen und alle Hoffnung auf ihn gelegt.
Er soll die ungerechten Herrschaften dieser Welt
durch eine Herrschaft ablösen, die dem Willen Gottes entspricht,
wo alle Menschen in Frieden und Gerechtigkeit leben können.
Der Titel für einen König war in diesen Zeiten ‘Gesalbter’,
oder hebräisch ‘Messias’ oder griechisch ‘Christus’.
So kam Jesus zu seinen Titeln: ‘Jesus Christus’.
Auf ihm lag soviel Hoffnung und Erwartung! Zuviel vielleicht?
Predigt Friedenstiften - zwischen Realitäten und Visionen.
Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids.
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden
unter den Menschen seines Wohlgefallens.(Lukas 2, 11.14)
Welch grosse Worte der Evangelist Lukas da seinen Engeln in den Mund legt!
Aber ich höre und singe sie sehr gern ‘der Engel helle Lieder’
mit ihrem nicht-endenden ‘Gloria’.
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Der Evangelist Johannes bleibt da viel nüchterner:
Kein Baby im Stall, keine Hirte und Könige; Jesus ist schlicht das ‘Licht für diese Welt’ … aber:
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der zur Welt kommt.
… und die Welt hat ihn nicht erkannt.
Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (Johannes 1, 5.9-11)
Schon im ersten Kapitel – also dort, wo bei den andern eine Geburtserzählung steht –
schon da deutet er das grosse Scheitern an:
Das Licht, das nicht angenommen wird,
der Sohn Gottes, der in dieser Welt kaum Platz findet.
Falsches Geschenk zur falschen Zeit?
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Der Verlauf der Geschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert
gibt dem Johannes eher recht:
Die Welt hat das Licht des Friedens nicht angenommen
- oder besser gesagt: nicht überall, es gibt noch zuviel Dunkel.
Viele haben sich zwar sogar explizit auf Jesus von Nazareth berufen,
auf den Mann, der gesagt hat:
‘Wenn Dir einer auf die eine Wange schlägt, dann halte ihm auch noch die andre hin!’
Und:
‘Liebe sogar Deine Feinde!’ - denn nur Deine Freunde zu lieben wäre ja gar einfach!
Und ausgerechnet in seinem Namen haben sie Kriege geführt,
Gewalt gerechtfertigt, auch Sklaverei und Rassentrennung,
… kurz:
Das, was ‘der Mensch’ mit der ‘Marke Jesus Christus’ gemacht hat,
hat manchmal wenig mit der Absicht des Gründers zu tun gehabt.
*****
Warum hat Jesus das zugelassen? Oder Gott? Oder beide?
Man kann sich ja schon fragen:
> wollte Jesus nicht? Irgendwie wäre das unverständlich
bei all dem Leid, das unschuldige Menschen ertragen müssen.
> konnte Jesus nicht? Weil seine Macht eben doch viel beschränkter und menschlicher war als wir uns das in unseren Allmachtsphantasien ausgemalt haben.
> war Jesus viel geduldiger?
… und hoffte wie viele seiner ZeitgenossInnen
auf das Reich Gottes am Ende dieser Zeiten:
Nach den ‘Stürmen der Endzeit’, nach viel Schmerz, Leid, Krieg,
da werde er dann wiederkommen und ewigen Frieden bringen.
Wie gesagt: Das war damals gängige Denkart
– aber ob ich heute noch in diesen Bildern und Mustern
denken, leben, handeln soll - ich weiss nicht …
Der Evangelist Johannes jedenfalls
nimmt die hohen Erwartungen zurück und lässt Jesus sagen:
‘Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.’ (Johannes 14, 27)
Also:
Weil durch die Gegenwart Jesu in dieser Welt
der konkrete weltliche Friede in keiner Weise grösser wurde,
so verlegt er den Frieden ins Innere, ins Herz, in die Seele.
‘Nicht gebe ich Euch, wie die Welt gibt!’
Nun, dieser innere Frieden ist ja auch ganz schön.
Den tät ich mir manchmal auch wünschen – das wäre friedlich.
Aber ich glaube, wenn ich im Krieg leben müsste und auf der Flucht,
so würde ich mir vor dem inneren Frieden
doch zuerst einmal den Frieden im klassischen Sinn wünschen.
Der ist nämlich Voraussetzung für so Vieles anderes.
****
Vor kurzem ist mir von einer aufmerksamen Frau
eine Predigt von Pfarrer Karl Hürlimann übergeben worden:
In einem Umschlag mit der 10er-Briefmarke ‘Friede den Menschen guten Willens’
findet sich die Predigt, in der Karl Hürlimann
das Ende des zweiten Weltkrieges bedenkt, feiert, verdankt.
Endlich Frieden – Gott sei Dank!?
Bei aller Freude bleibt Hürlimann aber realistisch:
Der jetzige Friede ist bloss eine ‘Pause’ bis zum nächsten Krieg.
Der wahre Friede wartet in einer andern Zeit!
‘Wisst Ihr, meine Lieben, was uns zutiefst bewegen wird,
wenn unsere Glocken den Frieden einläuten werden?
Es ist nicht nur der tiefe Dank dafür,
dass all das Morden und Zerstören wieder einmal ein Ende gefunden hat,
es ist nicht nur die Hoffnung,
dass ein neues Blatt in der Weltgeschichte aufgeschlagen wird;
es ist nicht nur das Sehnen nach einer Welt neuer Gottesordnungen.
Sondern diese Glocken hoch oben im Turm,
über den Leiden und Sorgen und Ängsten unserer Zeit,
sie rufen es aus: O, du arme Welt, du geplagte Menschheit!
Über dir baut Gott seine ewige Welt,
und dieses Geläute ist nur das Vorgeläute des ewigen Friedens,
der uns verheissen ist im vollendeten Reiche Gottes, wo aller Missklang verstummt,
alle Klage schweigt und das ewige Hallelujah anhebt.
Lobe den Herrn, meine Seele.’ (Karl O. Hürlimann, 6. Mai 1945)
Passen tut mir das nicht! Menschen, die leiden, wollen Frieden und Gerechtigkeit jetzt.
*****
Und ich denke: Jesus war das auch wichtig:
‘Dein Reich komme – Dein Wille geschehe - wie im Himmel, so auch auf Erden!’
Und:
‘Selig sind die Menschen, welche Frieden stiften; sie werden Kinder Gottes heissen!’
***
Gibt es eigentlich konkrete historische Beispiele,
wo wegen des christlichen Glaubens kein Krieg ausgelöst wurde
bzw. Frieden geschlossen wurde?
Zwischen den Staaten ist mir kein Beispiel bekannt.
Was natürlich nicht heisst, dass es keines gäbe.
Und man kann auch sagen, dass es bei all den Machthabern und Parlamentariern
zu allen Zeiten auch viele Christen gab,
und dass wahrscheinlich auch einige von ihnen
das Wohl und den Frieden der Menschen im Fokus hatten,
und dass sie sich drum gegen Krieg und für Frieden einsetzten.
Davon hört man eben weniger.
Vielleicht spielte der christliche Glaube in ‘Bewegungen hin zum Frieden’ eher eine Rolle:
Ich denke da an die Bewegung zur Aufhebung der Rassentrennung in den USA,
vor allem an den gewaltfreien Flügel unter der Leitung von Martin Luther King.
Immerhin kann man sagen, dass doch sehr viele Christinnen und Christen
- motiviert durch ihren Glauben - sich da und dort dafür eingesetzt haben und einsetzen,
dass die Welt ein Stück friedvoller wird, dass das Reich Gottes eben nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden erfahrbar wird:
Ich denke an die Menschen, die sich in Israel seit Jahren für kleine Versöhnungs-Brücken
zwischen Juden, Moslem und Christen einsetzen.
Dann auch an all die Menschen, welche an Orten auf scheinbar verlorenem Posten
einigen einzelnen Menschen ein Licht der Hoffnung in ihr Leben stellen wollen:
Sei es auf Moria – der Flüchtlingsinsel -
sei es in Kinderheimen im Sudan oder in Äthiopien,
sei es in der Kinder-und-Gassenarbeit
in gewaltdurchtränkten und perspektivelosen Slums von Grossstädten in aller Welt.
Es ist nicht so, dass da nichts geschehen würde,
dass die Botschaft Jesu keine Kraft hätte.
Manchmal wünschte man sich einfach noch mehr davon.
********
Und da ist ja dann immer die Frage, welches mein eigener Beitrag zum Ganzen ist!?
… er wird wahrscheinlich recht klein bleiben.
*******
Es ist ja leider nicht so, dass nach den Schrecken der beiden Weltkriege
allen klar geworden wäre, dass Gewalt und Krieg keine Option sind.
Spanien – Korea – Vietnam – Ukraine - …
Aufbau von Atomwaffenarsenalen und steigende Rüstungsausgaben Jahr für Jahr.
Wie anders klingt da der alte Prophet Sacharja:
Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Éfraim und die Rosse aus Jerusalem,
ausgemerzt wird der Kriegsbogen. Er wird den Nationen Frieden verkünden. (Sach 9, 10)
oder Micha:
Und Gott wird für Recht sorgen
zwischen vielen Völkern und mächtigen Nationen Recht sprechen, bis in die Ferne.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden
und ihre Speere zu Winzermessern.
Sie werden das Schwert nicht erheben, keine Nation gegen eine andere,
und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen. (Micha 4, 3)
Martin Luther King hat gesagt:
‚Nur wer Mut hat, zu träumen, hat auch Kraft zu kämpfen‘
Er hat mit seinem Mut extrem viel bewegt,
aber er hat auch mit seinem Leben dafür bezahlt.
Immerhin haben sich die Völker zusammengetan in den Vereinten Nationen
– welch schönes Wort, nach all den Kriegen:
Gemeinsam will man Lösungen suchen, Probleme gibt es genug:
Hunger, Kriege, Fluchtbewegungen, Umwelt, Gesundheit, Bildung.
Vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York
stehen zwei visionäre Skulpturen:
Die eine ist ein riesiger Revolver, dessen Lauf einen Knoten hat und in den Himmel zeigt.
Und die andere Skulptur stellt die Vision des Micha dar:
Ein starker Mann schmiedet ein Schwert zu einer Pflugschar um!
In solchen Bildern steckt eine grosse Kraft!
********
Schön, wenn es immer wieder Menschen gibt,
welche diese Kraft im Kleinen wie im Grossen aufnehmen können.
Erst in letzter Zeit ist mir bewusst geworden,
wie gross doch der Beitrag zum Frieden ist,
der von engagierten Kulturschaffenden ausgeht:
Man kann ja über die Hippies der 60er- und 70er-Jahre lachen.
Aber wie sie sich gegen den Krieg – damals v.a. in Vietnam -
für Bürgerrechte – gegen Apartheid -
und für den Frieden eingesetzt haben, verdient Respekt.
Das begann schon vor den Hippies mit ‘We shall overcome’
und ging 1955 weiter mit Pete Seegers ‘Sag mir, wo die Blumen sind’:
Einem Trauerlied auf die im Krieg gefallenen jungen Männer.
Erst gerade in dieser Weihnachtszeit ist mir bewusst geworden,
dass im ‘Happy Chrismas’ von John Lennon – 1971 –
soviel Friedens-Sehnsucht und -Hoffnung steckt:
In der ultrasüssen Melodie fragt er zuerst ganz unschuldig:
‘So – das ist Weihnachten – und was hast Du gemacht?
Ein weiteres Jahr ist vorüber, ein neues hat gerade begonnen.
Und dies ist also Weihnachten, ich hoffe, Du habest Spass.’
Wenn man allerdings etwas genauer hinhört, erkennt man am Ende jeder Liedzeile
eine durchaus friedenspolitische Dimension:
‘Dies ist also Weihnachten - Krieg ist vorbei
für die Schwachen und die Starken - Wenn Du es willst
die Reichen und die Armen - Krieg ist vorbei
für die Schwarzen und die Weissen - Wenn Du es willst
der Weg ist so weit - Jetzt
Lass uns alle Kämpfe beenden - Jetzt’
[Tracy Chapman stellte in ihrem grossen Song ‘Why’
die Mächtigen vor die anklagende Fragen:
‘Weshalb müssen soviele Babies hungern, da ist genügend Nahrung für alle?
Warum gibt es soviele Raketen angeblich für den Frieden,
wo sie doch zielen, um zu töten?
Weshalb ist eine Frau nicht mal zuhause in Sicherheit?
Aber jemand wird mal darauf antworten müssen!
Die Zeit dazu kommt schon sehr bald.
Mitten in all diesen Fragen und Widersprüchen
sind ein paar, die die Wahrheit suchen.’]
Und klar waren da Bob Dylan, Joan Baez,
und da waren im deutschsprachigen Raum aber auch
Reinhard May: ‘Meine Söhne geb ich nicht!’
Und die gute Nena mit ihren ’99 Luftballons’,
die sämtlichen Generälen dieser Welt ins Gewissen redet.
Und immer wieder Udo Lindenberg:
‘Keiner will sterben, das ist doch klar. Wozu sind dann Kriege da?
Herr Präsident, Du musst das doch wissen. Keine Mutter will ihre Kinder verlieren …’
Das mag heute ein wenig einfach klingen.
Aber damals war die Bedrohung durch einen dritten Weltkrieg real.
Tausende, wenn nicht Millionen junger Menschen
haben diese Friedenshymnen auf der ganzen Welt mitgesungen …
… und somit dazu beigetragen, dass die Hoffnung auf den realen Frieden
nicht den strategischen Überlegungen irgendwelcher Generäle zum Opfer fiel.
‘Schwerter zu Pflugscharen!’
Solche Träumereien brauchen Menschen, die sie mitträumen,
damit sie zu Realitäten werden.
Und da war Wolf Biermann, der Ostdeutsche,
der so deutlich wusste, dass es ein langer Weg werden würde:
‘Lass Dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, brechen …
Lass Dich nicht verbittern, in dieser bittern Zeit …’ (Wolf Biermann, Ermutigung)
Und der gute, inzwischen alte Udo Lindenberg legt auch 2018 nochmal nach:
Ich steh vor euch mit meinen alten Träumen
Von Love and Peace und jeder Mensch ist frei
Wenn wir zusammen aufsteh'n, könnte es wahr sein
Es ist so weit - ich frag: Bist du dabei?
Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind Am Ende werden wir gewinn'
Wir lassen diese Welt nicht untergeh'n Komm, wir zieh'n in den Frieden
Stell dir vor, es ist Frieden Und jeder, jeder geht hin (Udo Lindenberg, wir ziehen in den Frieden)
Und heute?
Heut haben wir ‘Fridays for Future’ - eine sehr kleine Bewegung,
die auf eine sehr grosse Gefahr hinweist.
Wir haben Greta Thunberg und Luisa Neubauer …
die sich verspotten und verlachen lassen.
Und wir haben den Wädenswiler Subaru-Fahrer
mit dem grossen Kleber am Heck: ‘Fuck Greta’
Ja, Träumerinnen machen offenbar so manchem Helden Angst.
Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist.
Es ist bloss Deine Schuld, wenn sie so bleibt. (Heinz Rudolf Kunze in ‘Deine Schuld’)
Träumen wir weiter. Handeln wir, dort, wo wir Möglichkeiten haben.
Vertrauen wir auf die grossen Verheissungen.
Amen



